[ 13.03.2010 ]
Der Besuch der alten Dame
„Güüüüüüüüüllen“- ein kleines und wirklich nicht charmantes Kaff, in das uns die Theatercompagnie des OvTG diesmal entführt. Nicht nur das „N“ im Ortsschild fehlt in der dort vorherrschenden Tristesse. Wer sich über die zahlreichen „Ü“s im Namen wundert, dem sei ein Besuch des Theaterstücks „Der Besuch der alten Dame“ am OvTG empfohlen. Denn am Güllener Bahnhof zieht der Kondukteur zwar mit wenig Emotion, aber viel Zeitaufwand den Namen des Orts so herrlich in die Länge, dass ein jeder haltender Zug zum Highlight wird. Gut, immerhin gibt es sonst auch nicht viel zu sehen in Güllen. Ein paar Flugzeuge vielleicht, denn das Dorf liegt mitten in der Einflugschneise eines größeren Flughafens. Wenn das alles nicht die perfekte Kulisse für eine Theateraufführung bildet?!
Aber auch selbige muss erst einmal mit viel Aufwand und Einsatz geschaffen werden. Mehrere Grund- und Leistungskurse hatten es sich zur Aufgabe gemacht, das Dorf Güllen in all seiner nicht vorhandenen Pracht entstehen zu lassen. Kein Wunder also, dass die sehr zahlreich erschienenen Zuschauer gleich in dem Moment in die Welt der Güllener abtauchen konnten, in dem sich der Vorhang hob. Von vertrockneten Bäumen bis hin zu einem modernen und benzinsparenden Auto reichte die Requisite. Doch das sollte es an Effekten noch nicht gewesen sein. Von Licht- und Toneffekten wurde der „Besuch der alten Dame“ begleitet und blieb so für das Publikum stets unterhaltsam. Für die Musik hatte Herr Hagenbucher seinen alten Freund Giuseppe Verdi nach Güllen geholt, der ein paar Stücke extra für die Inszenierung komponiert hatte – so zumindestens wirkte die wundervolle Verknüpfung von Musik und Spiel auf die Zuschauer.
Schauspielerisch war noch einmal eine Steigerung zur letztjährigen Operette „Häuptling Abendwind“ zu sehen. Hoch amüsant war es, die Tratschweiber die ganze Aufführung hindurch plappern und lästern zu sehen. Auch wenn sie eigentlich nichts zu sagen hatten. Auch wenn gerade andere Dialoge im Vordergrund standen. Auch wenn sie vielleicht einmal etwas Sinnvolleres hätten tun können. Auf diese Weise schafften es die Tratschweiber, ihre recht eindimensionalen Rollen wirklich lustig wirken zu lassen.
Den perfekten Kontrast dazu stellte natürlich die elegante und sehr jung wirkende, alte Dame (herausragend dargestellt von Kerstin Wolf) dar. Allerdings hätte sich so manch einer gewünscht, das Ensemble wäre in diesem Punkt näher am ursprünglichen Text geblieben. Fast makellos wirkte die Dame, von den inneren Abgründen der Figur Dürrenmatts war wenig übernommen worden. Flankiert wurde sie von allen möglichen und unmöglichen Gestalten, die das Publikum zu jeder Zeit bestens unterhielten. Dass man auch als Nebendarsteller zu einem beachtlichen Ruhm kommen konnte, bewiesen viele Darsteller. Allen voran das falsche Reh, das im Zeitlupentempo vor das Auto der Familie Ill lief.
Präzise war das Timing in den Dialogen fast durchgehend, als besonders packend stellten sich die Unterhaltungen von Bürgermeister (sehr variantenreich gespielt von Emil Mahr) und Alfred Ill (fantastisch dargestellt von Lukas Seiler) heraus. Fast übernatürlich erschien die Figur des Lehrers (feucht-fröhlich verkörpert von Tobias Nitschke) auf der Bühne. Immer mehr verfiel dieser dem Alkohol, war aber bis zum Schluss in der Lage, seinen Daseinszustand für wichtige Dialoge plötzlich von betrunken auf nüchtern umzustellen. Gott sei Dank wurde das Motiv des Vollrauschs im Stück maßvoll und nicht bis zum Erbrechen ausgereizt. Sehr unterhaltsam ging es also dem Tod von Alfred Ill entgegen, als die Dorfbewohner immer mehr Reichtümer anhäuften.
Doch statt hierbei auf den im Original geschilderten schleichenden Prozess des Stimmungswandels zu setzen, lief dieser in der Inszenierung von Markus Hagenbucher eher stufenweise ab – jede Stufe für den Besucher überdeutlich ausgeleuchtet. Hier wäre etwas mehr Subtilität vielleicht wünschenswert gewesen. Die Ansprüche der Zuschauer hat das Ensemble dennoch voll erfüllt, die eigenen womöglich nicht ganz…
Sorgfältig ausgewählte szenische Highlights machten diesen Abend zu einem mehr als gelungenen Theaterabend. Bei einer Szene des Stücks, die neben manch anderer bestimmt allen Zuschauern in Erinnerung bleiben wird, war passenderweise auch fast das ganze Dorf auf der Bühne. Als Alfred Ill versuchte, das Dorf zu verlassen, zog eine einzigartige Verbindung von Rhythmus, Lichteffekten und Sprache die Zuschauer in ihren Bann. Fast noch dramatischer schloss der Tod des Herrn Ill das Stück ab. Von Rotlicht bis Requiem bediente man sich nochmals aller Mittel, um den Zuschauer zu faszinieren.
Nach der Ermordung ist die Welt in Güllen wieder in Ordnung. Dass auch die Welt des OvTG immer noch heil ist, zeigte der Besuch einer weiteren Dame, Frau Wischnevsky, auf der Bühne. Feierlich bekam sie das T-Shirt der Theatercompagnie überreicht.
Damit wäre dann wohl alles gesagt, in diesem Sinne: „Aaaaaaaaaabfahrt“! Wer weiß, wo der Zug der Theatercompagnie im nächsten Jahr hält? Man darf auf jeden Fall gespannt sein!
Kathi Hartinger